Kassel. Am Nachmittag des 18.06.2015 erhielt die Herderschule Besuch von einer ihrer prominenten Absolventinnen – die Europaabgeordnete Martina Werner kehrte an ihre ehemalige Schule zurück, um an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Europa“ mit interessierten Schülern und Lehrern teilzunehmen. Der Leistungskurs Politik (Tutor Herr Szuta) hatte dafür in die Mensa der Herderschule eingeladen.

Nach einer kurzen Begrüßung der Abgeordneten durch den Schulleiter, Herrn Sauer, leiteten die Moderatoren Lina Schöne und Dominik Bollendorf mit ihren ersten Fragen an den Gast die Veranstaltung ein. Auf die Frage hin, wie es sich anfühle wieder an die Herderschule zurückzukehren, äußerte sich Werner erfreut: „Es tut gut wieder hier zu sein, vieles hat sich verändert, es herrscht eine schöne Atmosphäre“. Nachdem Werner ihren Weg in die Politik umrissen hatte, betonte Sie, dass ihr die Arbeit im Europaparlament viel Spaß mache: „Das Europaparlament ist ein Arbeitsparlament. (…) Die Arbeit erfordert viel Diplomatie, da stets Kompromisse gefunden werden müssen, damit das Parlament von der europäischen Kommission gehört wird“, so Werner.

Durch den Anstoß der Moderaten wurde nun das Thema „TTIP“ (Transatlantic Trade and Investment Partnership) mit der Europaabgeordneten diskutiert. „Ich als Europaabgeordnete und Mitglied der SPD bin klar gegen die Schiedsgerichte als Teilvereinbarung des Freihandelsabkommens“, so Frau Werner. Auf die Aussage hin, dass sie das Freihandelsabkommen dennoch als positiv für Europa erachte, äußerte sich Herr Dr. Rößer (Politiklehrer an der Herderschule) kritisch: „Das Freihandelsabkommen ist ein Vorstoß Amerikas, der darauf abzielt, wieder mehr wirtschaftlichen sowie politischen Einfluss gegenüber den ‚BRICS-Staaten‘ zu erlangen“. Im Weiteren kritisierte Dr. Rößer, dass das Freihandelsabkommen massive Nachteile für ärmere Staaten mich sich bringe. Werner verwies daraufhin auf die Vorteile, die sich aus pragmatischer Sicht ergeben würden: „Viele Mitarbeiter von Volkswagen im nahgelegenen Baunatal wünschen sich die Durchsetzung des Freihandelsabkommen. (…) Die europäische Automobilindustrie kann stark vom Freihandelsabkommen profitieren“.

Die Debatte zwischen Martina Werner und Dr. Rößer schien das Publikum neugierig gemacht zu haben, da sich nun Nachfragen und Beiträge der Zuschauer häuften. So fanden sich mehrere Nachfragen zum Thema Politikverdrossenheit sowie zur „europäischen Öffentlichkeit“. Das Publikum und die Abgeordnete waren sich einig, dass vor allem die hohe Komplexität europäischer Politik sowie mangelnde Transparenz innerhalb der EU den Bürger abschrecke. Nachdem Werner sich klar zur Praxis repräsentativer Demokratie bekannt hatte, gelangte man über den Aspekt der europäischen Öffentlichkeit nun zum Thema Finanzkrise innerhalb der EU. Auf die Frage hin, wie sie das „Projekt Europa“ vor dem Hintergrund der Griechenlandkrise beurteile, äußerte sich die Europaabgeordnete wie folgt: „Europa ist ein wichtiges Projekt, dessen Aufgabe es nun ist, mit der aktuellen Krise fertig zu werden, um den Erhalt der Union zu sichern. (…) Weitere Vertiefungen, wie eine Osterweiterung, könnten Europa derzeit überfordern“. Hinsichtlich des Verhaltens der Griechen im Zuge der Schuldenkrise, betonte Werner, dass die griechische Regierung einen Reformplan vorlegen müsse. Dem entgegnete Schüler Tim-Carlo Bettermann, dass man mehr Verständnis für die griechische Situation aufbringen müsse. „Griechenland wird in Europa zu sehr verurteilt. (…) Auch die Sanierung der Banken in Staaten wie Deutschland war damals sehr teuer“, fügte Dr. Rößer hinzu. Im Weiteren führte er aus: „Es ist zu honorieren, dass die griechische Regierungspartei Syriza versucht ihre Wahlversprechen zu halten, und sich nicht komplett den Forderungen der EU unterwirft“. Dem entgegnete der Schulleiter Martin Sauer: „Wer 314 Milliarden Euro Schulden hat, kann keine Wahlversprechungen machen“.

Nach weiteren Anregungen und Fragen aus dem Publikum, die Frau Werner stets sehr geduldig und ausführlich versuchte zu beantworten, war die Zeit auch schon vorüber. Mit kräftigem Applaus für die anregende und informative Diskussion fand der Polit-Talk nach anderthalb Stunden sein Ende.

von Marvin Eskuche, Schüler im Leistungskurs PoWi an der Herderschule Kassel.

 Das Foto zeigt die Europaabgeordnete und ehemalige Herderschülerin Martina Werner (Mitte) im Gespräch mit Lina Schöne und Dominik Bollendorf (beide LK PoWi, Herr Szuta) während der Podiumsdiskussion in der Herderschule.