Lara Lebherz, Josephine-Grace Schneider, Lina Schöne und Maté Bakos – der dabei seine ungarischen Sprachkenntnisse einsetzen konnte - nahmen für die Herderschule an einer Diskussionsveranstaltung mit dem Ungar Ferenc Köszeg teil, dem dieses Jahr der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ verliehen wurde. Die Podiumsdiskussion mit Ferenc Köszeg und den beiden Vorsitzenden des ungarischen Helsinki-Kommitees András Kadár und Márta Pardavi fand im Rahmen des Kasseler Jugendsymposions am 27.9.2014 statt. Alle Teilnehmer waren am nächsten Tag zur festlichen Preisverleihung ins Staatstheater eingeladen. Herr Weickert begleitete die Herderschüler zu beiden Veranstaltungen und unterstütze sie fachlich bei den Vorbereitungstreffen. Herr Dr. Rößer und Herr Wickert halfen bei der Zusammenstellung und inhaltlichen Vorbereitung der Schülergruppe. Frau Wieprecht übernahm die Organisation für die Herderschule.

Herzlichen Dank an alle Beteiligten für ihr Engagement.

 

Im folgenden Text berichtet Maté Bakos über das Ereignis:

  Kasseler Bürgerpreis
Das Glas der Vernunft
2014

 Zur Geschichte des „Glases der Vernunft":

Der Preis ehrt Personen des öffentlichen Lebens oder Institutionen, die sich für Vernunft und für aufklärerische Gedanken und Taten einsetzen. Der Preis wird von Kasseler Bürgern gestiftet und gehört heute zu einer der wichtigsten politischen Ehrungen Deutschlands.

 Über den Preisträger:

Ferenc Köszeg, geboren 1939 in Budapest, ist seit seiner Jugend interessiert an Politik. Als 17jähriger Schüler ging er 1956 auf die Straßen von Budapest, um gegen die sowjetische Unterdrückung zu demonstrieren und zu kämpfen. Dieser Aufstand wurde aber blutig niedergeschlagen und es folgten für alle Ungarn Verfolgungen und Untersuchungen durch die staatlich gesteuerte Polizei, die vor allem die immer stärker werdende Opposition unterdrücken sollte. Ferenc Köszeg wirkte nach seinem Studium bei vielen Organisationen mit, die gegen die Regierung politisch und geistlich gekämpft haben. Der sich damals als durchaus revolutionär verstehende Ferenc Köszeg beschrieb die Zeit, in der er Teil der Opposition gewesen ist, als die glücklichste Zeit seines Lebens. Zwar hatte er somit keine Chancen, eine Karriere zu starten, denn von seinen Arbeitsplatz wurde er entlassen, aber er konnte ein Mitgestalter seines Landes sein. Es gab noch viele, auch Politiker, Juristen und Dichter, die an der Seite Köszegs gekämpft haben, aber Ferenc Köszeg war einer der wichtigsten Mitwirkenden bei dem Fall des „Eisernen Vorhangs“. Nach der Wende wurde er auch öffentlich  politisch aktiv, aber es  war „nicht mehr die gleiche Leidenschaft für Politik“, so Köszeg am 27.09.2014 in einer  Podiumsdiskussion (s.u.). Mit der Gründung des Helsinki-Komitees 1989 rief der damals 50jährige eine sehr wichtige Organisation ins Leben, die im heutigen Ungarn leider immer mehr juristisch intervenieren muss.

 Podiumsdiskussion am 27.09.2014 in der Freien Waldorfschule Kassel:

Bei dem Aufenthalt in Kassel wurde Ferenc Köszeg von zwei ihm vertrauten Leitern des ungarischen Helsinki-Komitees begleitet. Der Preisträger betonte zunächst in seiner Rede „kein Held der Nation“ zu sein, denn er habe genauso wie andere nur für seine Rechte und seine Würde gekämpft, die das kommunistische Ungarn über Jahrzehnte hinweg missachtete. Er kritisierte, gemeinsam mit den Vertretern des Helsinki-Komitees, recht eindringlich die heutige ungarische Regierung, die sich immer weiter in die Privatsphäre des Einzelnen einmische, aktiv versuche die Meinungen aller Nicht-Regierungsorganisationen in Ungarn zu unterdrücken und letztendlich sogar zum Schweigen zu bringen. Außerdem betonten alle drei ungarischen Demokraten, wie wichtig es sei, die Gesellschaft über ihre Rechte zu informieren, denn eine Gesellschaft, die nicht wüsste, welche Rechte sie habe, könne sich auch nicht gegen die Unterdrücker wenden. Das Volk solle sich gegen die Politiker selbst verteidigen, wenn es zu solch extremen Situationen komme, wie sie nun schon seit Jahren in Ungarn herrschten.

Zum Schluss wurde über ein Thema angesprochen, das von deutschen Medien vernachlässigt würde, nämlich die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. Ferenc Köszeg liegt das Thema sehr am Herzen, denn er hat sich nach der Wende mit der Gründung mehrerer Organisationen beschäftigt, die sich für die Unterstützung von Minderheiten, vor allem Sinti und Roma einsetzen. Der heute 75 Jahre alte Ferenc Köszeg hat kein Verständnis für die deutsche Politik, die sich immer wieder der Aufnahme von Flüchtlingen verweigert. Darüber hinaus richtete er die Frage an die Schüler, wieso es in Deutschland so sei, wie es ist und was sie über das Thema wüssten. Nach den Antworten von mehreren Schüler schien er beruhigt zu sein, denn mehrere haben sich für die Flüchtlingen in Deutschland bereits eingesetzt und die anwesende Gesellschaft schien an diesen Samstag Abend bereit zu sein, das riesige Problem lösen zu wollen und zu können.

 Preisverleihung am 28.09.2014 im Staatstheater Kassel:

Leidenschaftlich, mutig und unerschrocken hat sich Ferenc Köszeg über Jahrzehnte für universelle Menschenrechte eingesetzt.”, so heißt es in der Broschüre des Kasseler Bürgerpreises zur diesjährigen Preisverleihung. Bei der Veranstaltung waren mehrere bekannte Personen vertreten, die sich mit diesem Thema befasst haben, so Erhard Busek, ehemaliger Vizekanzler von Österreich oder auch Freunde des Preisträgers, wie Ádám Fischer, ungarischer Komponist und Dirigent, der lange am Opernhaus in Kassel als Dirigent gewirkt hat. Beide lobten und respektierten die Arbeit und Leistung von Ferenc Köszeg. Herr Busek betonte, dass Europa nicht vereint sei, wie es die Europäische Union nach außen hin erscheinen ließe, denn es seien sehr viele Kulturen vertreten, die  ihre Normen und Lebensweisen beibehalten wollen. Adam Fischer lobte vor allem, den Charakter des Preisträgers, denn wie er sagte, habe dieser auch humorvolle und freundliche Seiten, die man an diesem Tag noch gar nicht erwähnt habe. Ferenc Köszeg hielt anschließend eine Rede, in der er über die wichtigsten Errungenschaften seines Lebens während der kommunistischen Zeit berichtete und dabei betonte, wie schwierig es damals war, die eigene Individualität zu verwirklichen. Anschließend erhielt der Preisträger das wohl verdiente Lob, den Preis des „Glases der Vernunft“.

 Text: Maté Bakos