Mitte Januar fragten mehrere Lehrer, darunter auch mein Ethik-Lehrer Herr Dr. Rößer, ob wir am Europäischen Wettbewerb  teilnehmen wollen. Der Europäische Wettbewerb ist der älteste Schülerwettbewerb Deutschlands und wurde nach der Einführung im Jahr 1953 nun zum 61. Mal durchgeführt. Dabei werden Aufgabenstellungen nach Altersklassen in verschiedene Module geordnet und beziehen sich alle auf ein Problem innerhalb der EU und deren Mitgliedsstaaten. Oberstufenschüler dürfen die Module der Kategorie 4 und das Sondermodul bearbeiten. Ersichtlich war für mich, dass nur das Modul 4-3 in Frage kommt. Die Fragestellung lautete „Macht Armut dumm?“ und provozierte schon sehr früh während der Recherche. Laut Statistiken sind in Europa ca.24,8 % der Menschen arm bzw. armutsgefährdet.  Sind dann im Umkehrschluss auch 125 Millionen Menschen in Europa als dumm anzusehen? Natürlich nicht! Die Fragestellung war demnach nicht nur provokant, sondern meines Erachtens falsch.

Ich erarbeitete eine Rede, wobei ich die Inszenierung in den Ort gesetzt habe, der mittlerweile in jeder größeren Stadt anzufinden ist, die „Tafel“. Hier spreche ich die elende Lage der armen Bevölkerung an und fordere, dass der Sozialabbau endlich aufhören müsse. Die EU ist nämlich nicht mehr auf dem Weg zum nächsten Wirtschaftswunder, sondern erreicht durch die Prekarisierung die nächste Massen-Armut. Diese und viele weitere Aspekte spreche ich in meiner Rede an, die nun im Internet auf der Homepage des Europäischen Wettbewerbs unter der Rubrik „Prämierte Arbeiten“ zu finden ist.

Nachdem Herr Dr. Rößer, der Betreuungslehrer für den Europäischen Wettbewerb, und ich die Rede nun nach Dreiech zur landesweiten Evaluation einreichten, wurden wir drei Monate später dahingehend informiert, dass ich nicht nur von der Landesjury, sondern auch von der Bundesjury ausgezeichnet wurde. Mein Preis war der „Preis der Bundeskanzlerin“ und beinhaltete eine dreitägige Berlinfahrt, welche vor allem politisch informieren sollte.

Zunächst aber reisten meine Mutter und ich zur Preisverleihung im Hessischen Landtag nach Wiesbaden an. Am 27. Mai 2014 wurde mir und etwa 70 weiteren Preisträgen aus allen Altersklassen ein Preis vom Kultusministerium, des Europäischen Wettbewerbs Hessen und des Vizepräsidenten des Hessischen Landtags Frank Lortz überreicht. Auffällig war, dass ich der einzige ausgezeichnete Nordhesse war. Obwohl der Europäische Wettbewerb zum 61. Mal bundesweit stattfand, war ich der erste Kasseler Herderschüler, der erfolgreich am Europäischen Wettbewerb teilgenommen hatte, und nun auch die Nordhessen vertrat. In Wiesbaden lernte man schon die ersten Preisträger kennen, die mit nach Berlin fuhren.

Einen Monat später war es soweit:  Am 25. Juni 2014 brach ich zur Preisträgerbegegnung in Berlin auf. Diese Preisträgerbegegnung wurde selbstverständlich nicht von der Bundeskanzlerin, sondern vom Bundespresseamt durchgeführt und von der Europäischen Bewegung Deutschland initiiert. Unsere Unterkunft war das „maritim proArte Berlin“ und wir wurden zuerst im Bundespresseamt von Herrn Köhn, dem Referatsleiter des Themas Europa, und Herrn Hüttemann, den Generalsekretär der Europäischen Bewegung Deutschlands empfangen. Nachdem Herr Köhn und Herr Hüttemann uns die Ergebnisse des Europäischen Wettbewerbs und die Tätigkeiten des BPAs erläuterten, wurde es nun spannend, denn wir konnten alle unsere Arbeiten in  der Ausstellung zum Wettbewerb begutachten. Es zeigte sich eine besonders große Vielfalt, da die Schüler mit verschiedenen Formen gearbeitet hatten, um aus der Masse herauszustechen. Diese Vielfalt reichte vom Rap-Video bis zur Rede. Geplant war, dass jeder Preisträger ein Statement zu seiner Arbeit abgeben sollte oder etwas  aus seiner Rede vortragen sollte. Ich hatte mich dazu entschlossen, die prägnantesten Auszüge aus der Rede vorzutragen. Obwohl ich zunächst aufgeregt war, meisterte ich meinen Auftritt und trug die Rede aus dem Stegreif vor, was den Beteiligten sehr gefallen hat. Ich konnte sowohl meine „Mitstreiter“ als auch Herrn Köhn und Herrn Hüttemann überzeugen. Herr Hüttemann bezeichnete meine Leistung als „Highlight“.

Am Donnerstag fuhren wir zur 43. Plenarsitzung im Bundestag. Die Sitzung bezog sich auf die Änderung der EEG-Umlagen und zeigte in der kurzen Zeit den Meinungspluralismus innerhalb des Bundestags. Man konnte sich nun ein subjektives Bild der Politiker bzw. der Minister machen und wurde nicht von den Medien beeinflusst. Auf dem Weg zur Glaskuppel sprachen wir über die Politiker, vor allem aber über den Bundesminister Sigmar Gabriel, der am Ende unseres Besuchs, seine Änderungen rechtfertigte.

Danach hatten wir einen Termin im Bundeskanzleramt. Neben einer Führung gab es auch die Möglichkeit mit der Staatsministerin Frau Özuguz, welche als SPD-Abgeordnete als die erste Integrationsbeauftragte fungiert, zu sprechen. Besonders die doppelte Staatsangehörigkeit und die Aufnahme von Asylanten aus Krisengebieten, wie z.B. Syrien, erklärte sie uns sehr detailliert. Auch ich hatte die Möglichkeit eine Frage zu stellen. Dabei wollte ich wissen, wo sie die Vor- und Nachteile bei einer Großen Koalition sehe. Frau Özuguz gab ein sehr abwägendes Urteil aus einer neutralen Perspektive, wobei ich allerdings nicht tiefer in die Thematik gehen konnte und mehr Fragen stellen konnte, denn immerhin gab es eine tickende Uhr und noch 29 andere wissbegierige Preisträger.

Durch den Wettbewerb wurden wir nicht nur zu „Experten“ auf den jeweiligen Gebieten, sondern erweiterten auch unseren politischen Horizont. Der Europäische Wettbewerb bot  eine Entfaltungsmöglichkeit, denn gute Leistungen und harte Arbeiten wurden anerkannt und belohnt.

Sayman Kakkar

 

Link zum 61.Europäischen Wettbewerb:

http://www.europaeischer-wettbewerb.de/index.php?id=21815&tx_ttnews%5Bpointer%5D=2&cHash=3a9b35f1143060a2aba1cb568f49d40f