Das Jahr 1968 als Zeit des Umbruchs, der Proteste, Demonstrationen und des Wertewandels beschäftigte eine Gruppe von Herderschülern und Lehrern, die dabei vor allem die Frage stellten:„Inwieweit wird dieser Umbruch auch im Mikrokosmos einer Schule greifbar.“ Ausgangspunkt war das Interesse an der Geschichte der Schule, eingebunden in Stadt und Stadtteil.

Während der schulinternen Projekttage wurde eine Präsentation erarbeitet, die im Rahmen des Stadtteilfestes der Unterneustadt zur 1100- Jahr-Feier der Stadt Kassel im Foyer der Schule noch bis zum 8. Juni ausgestellt wird.

Die Herderschule war in den 68ern eine der Keimzellen der Schüler-Protest-Bewegung in Kassel. Das damit verbundene Konflikt-Potential wird mit Dokumenten über die  „Kieker“-Affäre um die damalige Schülerzeitung der Herderschule entwickelt.

Der Konflikt um den „Kieker“ entzündete sich 1968 zunächst an Artikeln über Osterdemonstrationen, den Vietnamkrieg und damit verbundener Kapitalismuskritik, beispielsweise an einem ganzseitigen Bild eines von Napalm verbrannten Gesichtes mit dem Untertitel „Der Kapitalismus zeigt sein Gesicht“ in der 26. Ausgabe der Schülerzeitung. Der im darauf folgenden 27. „Kieker“ veröffentlichte Artikel mit der Forderung nach umfassender Sexualaufklärung für Schüler, der provokante Losungen  enthielt, wie „wir wollen`s nicht studieren, sondern probieren“, löste eine Lawine von Reaktionen und Gegenreaktionen aus: Strafanzeige der Elternschaft gegen vier verantwortliche Redakteure des „Kieker“, Androhung des Schulverweises, Ankündigung von disziplinarischen Maßnahmen durch das Schulamt, Einschalten des Generalstaatsanwaltes, Solidarisierung von Schüler-Verwaltung und Schülerzeitungsredaktionen mit den betroffenen Herderschülern.

Berichte, Stellungnahmen von Herderschülern und Leserbrief-Diskussionen in der HNA belegen die Brisanz der Situation. Die Diskussion wurde öffentlich und schulintern geführt, wobei Kollegium und Schulleitung um Schadensbegrenzung und Befriedung der Fronten kämpften, was dem damaligen Schulleiter, Herrn Dr. Rosenthal, die ausdrückliche Hochachtung der betroffenen „Kieker“-Redakteure sicherte.

Die Quellenbeschaffung für die Präsentation gestaltete sich schwierig, da Dokumente im Schularchiv nur bruchstückhaft überliefert waren.

Die verständnisvolle Unterstützung der HNA ermöglichte den Projektteilnehmern dann aber, im HNA-Zeitungsarchiv zu recherchieren. Weitere wichtige Aufschlüsse ergaben sich aus den Berichten ehemaliger Lehrer und Zeitzeugen, die von der Arbeitsgruppe befragt wurden.

Trotz der bruchstückhaften Überlieferung zeichnet sich für Projektleiter Hans Breitgoff im Ergebnis das folgende Bild ab: „Ein von den autoritären Strukturen des Adenauerstaates (und früherer Zeiten!) geprägter Apparat (Schulverwaltung und Lehrerschaft) trifft auf Denk- und Verhaltensweisen der Schüler und Jugendlichen, die Demokratie völlig anders begreifen als ein Funktionieren in einer staatlichen Struktur, nämlich als umfassende, kritisch reflektierte Selbstbestimmung.“ Als eigentlichen Hintergrund der „Kieker“-Affäre sieht er das neue Selbstverständnis der Schüler, die Schule als selbst zu bestimmenden Raum verstanden, in dem sich Lernen und Leben abspielt.

Die Reaktionen des Apparates, so zeigen die Dokumente, bewegten sich von Reaktionsformen aus der autoritären deutschen Staatstradition („Rädelsführer ausfindig machen!“, „Zersetzung unterbinden!“) bis zu einem offenen pädagogischen Zugehen auf die neuen Denkweisen der Jugendlichen und dem ernsthaften Bemühen um Verständnis der neuen Vorstellungswelten.

Heute sieht sich die Herderschule in der Tradition der letztgenannten Variante: Offenheit für neue Denk- und Wahrnehmungsweisen der Schüler, diskursive Bearbeitung von Konflikten, pädagogische Experimentierfreudigkeit.

Verantwortlich für das Projekt waren die Herderschul-Kollegen:

Hans Breitgoff, Gerald Weickert, Dr. Axel Wunderlich