Lehrplan 11 PoWi



11.1 Sozialstruktur und sozioökonomischer Wandel
Std.: 23
Begründung
Die Sozialstruktur Deutschlands lässt sich in ihrer Komplexität im Unterricht nicht nachbilden. Mit der unterrichtlichen Behandlung von Themen, die die Rolle des Individuums in der Gesellschaft analysieren, zeigt der Unterricht, wie individuelle und subjektive Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern als Voraussetzung und Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse interpretiert werden können. Sie werden gleichermaßen zum Subjekt und Objekt des Unterrichts.
Um den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die unterschiedlichen soziologischen Fragestellungen zu vermitteln, sollen mehrere Stichworte zur Sozialstruktur Deutschlands behandelt werden; die Schwerpunktbildung soll im Sinn einer schülerorientierten Unterrichtsplanung mit der Lerngruppe abgestimmt werden. Während das Stichwort Familienformen und Sozialisation von Jugendlichen an die Erfahrung der Schülerinnen und Schüler anknüpft und Selbstreflexion und Objektivierung der eigenen Situation erlaubt, zeichnen die übrigen Stichworte gesellschaftliche Zusammenhänge und Tendenzen nach und führen zum Verständnis struktureller Entwicklungen.

Die angemessene Interpretation von Statistiken und Schaubildern (Stichproben-, repräsentative Erhebung, Zählungen, Umfragen) soll dabei ebenso Teil des Unterrichts sein wie die Beschäftigung mit exemplarischen Beispielen, die auch aus Reportagen, Literatur, Filmen oder Kunstdarstellungen entnommen sein können. Befragungen oder eigene Beobachtungen vor Ort zum Beispiel zur Schließung von Industrie- und Ansiedlung von Dienstleistungsbetrieben, zur Beschäftigung ausländischer oder ostdeutscher Arbeitnehmer können die allgemein gewonnenen Ergebnisse veranschaulichen.
Die enorme Produktivitätssteigerung in allen drei Sektoren (Urproduktion, Industrie und Dienstleistung) als Folge technologischer und organisatorischer Innovationen und der internationale Kostendruck führten zu veränderten Branchen- und Berufsstrukturen. Sie ermöglichen und verlangen flexiblere Produktion, die dem Konsumenten/Kunden verbesserte und auch individuellere Produkte, dem Arbeitnehmer aber veränderte Arbeitsbedingungen beschert. Im Sinne einer zukunftsorientierten Berufs- und Studienvorbereitung soll der Unterricht den Strukturwandel und dessen Folgen für Ausbildung, Arbeit und Beruf deutlich machen und den Jugendlichen Hilfestellungen bei der Entscheidungsfindung für ihre Lebensplanung geben. Schülerinnen und Schüler können bei der Recherche zu einem sie interessierenden oder von ihnen angestrebten Beruf oder bei der Auswertung des Betriebspraktikums Erkenntnisse zu den angeführten Stichworten gewinnen, diese präsentieren und/oder als schriftliche Hausarbeit formulieren.
Der Analyse der Sozialstruktur liegen unterschiedliche theoretische Traditionen und verschiedene Erkenntnisinteressen zu Grunde. Dass dies so ist und ein Erklärungsansatz nicht alleinige Geltung zu beanspruchen vermag, soll den Schülerinnen und Schülern über die Beschäftigung mit mehreren verschiedenen Modellen deutlich gemacht werden. Ein ideologiekritischer Zugang zu soziologischen Erklärungsmodellen fördert bei Schülerinnen und Schülern die begründete Urteilsbildung und Skepsis gegenüber monokausalen gesellschaftlichen Erklärungsmustern.
Der sozioökonomische Wandel verlangt politische Antworten im Bereich der Sozial-, Arbeitsmarkt-, Struktur- und Bildungspolitik. In der Kontroverse um Lösungsansätze spielen gesellschaftliche Interessengruppen und Institutionen wie Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Kammern, Bürgerinitiativen eine wichtige Rolle. Diese Auseinandersetzung kann im fakultativen Bereich exemplarisch analysiert und beurteilt werden.

Ein Einblick in Methoden der empirischen Sozialforschung kann den Lernenden über einen eigenen thematischen Schwerpunkt, aber auch als methodischer Exkurs zu einem Thema des verbindlichen Teils gegeben werden.


Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Struktur und Entwicklung der Bevölkerung Familienformen im Wandel, Sozialisation von Jugendlichen, Altersentwicklung; Individualisierung; räumliche und soziale Mobilität
Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft Sozialer, wirtschaftlicher Wandel, Modernisierung, Rationalisierung und neue Technologien; Berufsstruktur und Arbeitsmarkt; veränderte Qualifikationsanforderungen und Arbeitsbedingungen; strukturelle Arbeitslosigkeit, Flexibilität und berufliche Mobilität; Gleichberechtigung der Geschlechter in Beruf und Wirtschaft
Strukturmodelle der Gesellschaft Demographisch orientierte Analysen; Schichtungs- und Klassenmodelle; Soziale Milieus; Sozialstruktur als soziales Rollengefüge
Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben


Politische Problemfelder und Lösungsansätze Kontroversen, Interessen und Vorschläge in der Sozial- und Bildungspolitik, Struktur- oder Arbeitsmarktpolitik
Neue Schlüsselbegriffe der Gesellschaftsanalyse Digitale Revolution, Informationsgesellschaft, Zweidrittelgesellschaft, Risikogesellschaft, ?Neue Armut?
Einblick in Methoden empirischer Sozialforschung Erhebungs-, Befragungs- und Auswertungsmethoden am Beispiel (z.B. Shell-Jugendstudie); Durchführung einer kleinen empirischen Untersuchung

Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler/Hinweise und Erläuterungen
Einführung in Fragestellungen und Instrumente der empirischen Sozialforschung
Computergestützte Befragung, z.B. GrafStat2000

Querverweise:

Identitätsfindung: D, E, F, Spa, Rus, Ita, L, Ku, Mu, G, Rka, Rev, Eth, Phil
Lebensentwürfe: D, Rus, L, GrA, Rka, Eth, Phil, Rev, E
Mensch und Welt: L, GrA, Mu, G, Ek, Rka, Rev, Phil, Phy, D, F, Ita, Rus, Ku
Sozialer Wandel: E, F, Spa, Rus, Ita, L, G, Ek, Spo
Massenmedien und Kultur: D, E, F, Spa, Ita, L, Inf
Zentralisierung ? Dezentralisierung: F, Ek, Spa, Rus, L
Stadt: L, GrA, G, Ek, Phil, F, Rus, Ch
Programmierung ? Simulation: Inf, M, Ch, Phy
Internet und Hypertext: Inf, Bio
Leistung: Spo
Gesunde Lebensführung: Spo, Eth
Ökonomie vs. Ökologie: D, E, Spa, Ita, L, Ek, Rev, Phil, M, Spo
Klima und Boden: Ch, Ek
Berücksichtigung von Aufgabengebieten (§6 Abs. 4 HSchG):

Ökologische Bildung und Umwelterziehung
Informations- und kommunikationstechnische Grundbildung und Medienerziehung
Erziehung zur Gleichberechtigung Kulturelle Praxis
Friedenserziehung


[Quelle: Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Politik & Wirtschaft. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 7 bis 13. S. 27 f.]


11.2 Ökologie und Marktwirtschaft
Std.: 23
Begründung
Schülerinnen und Schüler verfügen zum Thema Ökologie in der Regel über ein umfangreiches, aber unstrukturiertes Vorwissen. Daran anknüpfend soll der Unterricht einzelne Bereiche genauer untersuchen und gegenüber einem eher unspezifischen Bedrohungsgefühl durch eine gefährdete Umwelt sowohl die tatsächlich stattgefundenen Veränderungen und Entwicklungen als auch konkrete Umweltprobleme nachzeichnen. Die exemplarische Beschäftigung mit zweien der angeführten Themenstichworte soll die Breite der gesellschaftlichen Aufgaben zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen deutlich machen.
Voraussetzung für eine adäquate Einschätzung des Verhältnisses zwischen Ökologie und Ökonomie ist wirtschaftliches Grundlagenwissen über die Funktion der Marktwirtschaft. Die Einführung in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung wird daher der Beschäftigung mit den ökologischen Kosten marktwirtschaftlicher Produktion vorangestellt. So lässt sich auch systematisch ökologisches Verbraucherverhalten als Teil des privaten Konsums und ökologisches Produzieren als Ergebnis von entsprechenden Investitionen einordnen. Der Themenbereich Wirtschaftswachstum und Ökologie beschäftigt sich mit marktorientierten Lösungsansätzen und dem Spannungsverhältnis von Ökonomie und Ökologie. Es wird angeregt, die angeführten Stichworte im Rahmen einer exemplarischen Erkundung eines Betriebes der Region mit Öko- Audit zu untersuchen, zu bearbeiten und zu präsentieren.

Im Themenbereich Umweltpolitik soll der Unterricht die Wirkung politischer Entscheidungsprozesse und öffentlicher Meinung sowie die Mobilisierung von Veränderungspotentialen als Antwort auf als gefährlich eingeschätzte Entwicklungen thematisieren. Hier kann den Jugendlichen klar werden, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen veränderbar und dem politischen Handeln zugänglich sind und dass politisches Engagement sich lohnt. Die Aufgaben und Probleme der internationalen Umweltpolitik, zu wirksamen Vereinbarungen zu kommen, sind am ausgewählten Beispiel in den Unterricht einzubeziehen.


Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Quantitative und qualitative ökologische Entwicklungen und Belastungen in unterschiedlichen Bereichen Industrie und Landwirtschaft; Mobilität und Verkehr; Luft, Wasser, Boden, Klima, Ressourcenverbrauch; Verbraucherverhalten und Ökologie
Soziale Marktwirtschaft Soziale Marktwirtschaft als ordnungspolitisches Leitbild; Entstehung und Verwendung des BIP; Kreislauf von Geldund Warenströmen; Faktoren der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und des gesamtwirtschaftlichen Angebots
Wirtschaftswachstum und Ökologie Ökologische Nachhaltigkeit; von der Ökologie als ?negativem Standortfaktor? zum marktorientierten Umweltmanagement
Ressourcenschonung; soziale und ökologische Effekte und Kosten marktwirtschaftlicher Produktion
Umweltpolitik: Problemfelder und Lösungsansätze Umweltpolitik zwischen marktwirtschaftlichen Anreizen und staatlichen Auflagen; Aufgaben und Probleme staatlicher Umweltpolitik (exemplarische Untersuchung der Agrarpolitik, Verkehrspolitik, Steuer- oder Subventionspolitik) nationale Umweltpolitik und internationale Vereinbarungen (z.B. Klimaschutz)
Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben


Exemplarische Untersuchung im Nahbereich Energiebilanz der Schule, Abfallkonzepte Schule / Gemeinde, ökologisches Verkehrskonzept in Schule und Kommune; Erkundung von Betrieben mit Öko-Audit
Zwischen Standortsicherung, Wirtschaftsentwicklung und ökologischen Ansprüchen Exemplarische Untersuchung von Planungsvorhaben
Interessen, Interessenkonflikte, Verfahren des Interessenausgleichs; Entwicklung eines Fragebogens Präsentation einer kleinen empirischen Studie
Ökologische Kosten/Ressourcen Ökologische Kosten-Nutzen-Analysen (Ökobilanzen) ?Ökologische Schadensbilanz"

Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler/Hinweise und Erläuterungen
Analyse, Auswertung und Interpretation ökonomischer/ökologischer Daten und Positionen
Simulation und Planspiel
Präsentation von Ergebnissen


Querverweise:

Identitätsfindung: D, E, F, Spa, Rus, Ita, L, Ku, Mu, G, Rka, Rev, Eth, Phil
Lebensentwürfe: D, Rus, L, GrA, Rka, Eth, Phil, Rev, E
Mensch und Welt: L, GrA, Mu, G, Ek, Rka, Rev, Phil, Phy, D, F, Ita, Rus, Ku
Sozialer Wandel: E, F, Spa, Rus, Ita, L, G, Ek, Spo
Massenmedien und Kultur: D, E, F, Spa, Ita, L, Inf
Zentralisierung ? Dezentralisierung: F, Ek, Spa, Rus, L
Stadt: L, GrA, G, Ek, Phil, F, Rus, Ch
Programmierung ? Simulation: Inf, M, Ch, Phy
Internet und Hypertext: Inf, Bio
Leistung: Spo
Gesunde Lebensführung: Spo, Eth
Ökonomie vs. Ökologie: D, E, Spa, Ita, L, Ek, Rev, Phil, M, Spo
Klima und Boden: Ch, Ek
Berücksichtigung von Aufgabengebieten (§6 Abs. 4 HSchG):

Ökologische Bildung und Umwelterziehung
Informations- und kommunikationstechnische Grundbildung und Medienerziehung
Erziehung zur Gleichberechtigung
Kulturelle Praxis
Friedenserziehung

[Quelle: Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Politik & Wirtschaft. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 7 bis 13. S. 29 f.]