Erinnerungen an die Herderschule in den 1960er Jahren

  von Peter-Matthias Gaede

 

Die Bilder, die Menschen, der Klang ihrer Stimmen, die Momente der Beklemmung, der maßlosen Selbstgewissheit, das Aufbegehren, das Debattieren und Experimentieren - alles noch präsent. Alles noch abrufbar, auch bald vier Jahrzehnte danach. Die Erfahrung Herderschule war intensiv. Sie war, was man wohl nachhaltig nennt.

 

"Meine" Herderschule ist eine dreigeteilte. In Phase eins, aus der Warte eines Elf-, Zwölfjährigen, hätte es mich überfordert, mir einen Begriff von dieser Schule zu machen, von ihrem Konzept. Sie war einfach da, beeindruckend groß, neu und nicht backsteinschwer wie die knarzenden Dorfschulen in der bäuerlich-proletarischen Ostperipherie der Stadt, aus der nicht wenige von uns kamen. Lichter war sie, Heimat nicht gleich, ohne alte Kastanien im Hof, von einem Terrain der Leere umgeben und immer noch auch von den Fragmenten und Provisorien einer Nachkriegsstadt. Wären wir, noch in der Volksschule, gefragt worden, eine moderne Fabrik zu malen, sie hätte vielleicht exakt so ausgesehen wie diese Herderschule.

 

Also rückten wir schnell in der Klasse zusammen, uns in dieser neuen Unübersichtlichkeit ein wenig zu wärmen und zu verorten; und blendeten das große Ganze noch aus. Dass es Mädchen und Jungen waren, erschien mir nicht als Besonderheit, wir kannten es vom Dorf und hielten gymnasiale Koedukation für eine pure Selbstverständlichkeit. Auch dass wir mittags gemeinsam in der Schule aßen und nachmittags weitere Stunden hatten, reflektierten wir nicht als pädagogische Theorie dieser "Versuchsschule", sondern auf der Ebene, wie uns das Hühnerfrikassee schmeckte (eher schlecht); und ob sich in der Freistunde nach 14 Uhr Gelegenheit zu einem ersten Kuss ergab (sie ergab sich).

 

Die eigentliche Sensation in dieser Phase eins, 1961 ff, war die erste "5" für mich; es kann in Mathematik gewesen sein. Auf die Wucht dieses Erlebnisses war ich nicht vorbereitet, nachdem eine einzige "3" in acht Volksschulzeugnissen bis dahin den Tiefpunkt meiner Schülerkarriere markiert hatte. Und eine Sensation waren die Lehrer, ein interessant zusammengestellter Kader aus Menschenfreunden und Angstmachern, aus sensiblen Erzählern und solchen, denen das Musische an diesem "musischen Gymnasium" nicht unbedingt anzumerken war. Während die einen sich wohl schon mit Themen wie einer "demokratischen" Sitzordnung in der Klasse befassten (u-förmige Anordnung der Tische!), hätten uns die anderen vermutlich gerne noch in festverschraubten Bänken sediert. Während die einen Spurenelemente einer kuscheligen Waldorf-Pädagogik in sich verrieten, benutzten andere noch manchmal die flache Hand, die Tobsucht und die von Herzen kühle Leistungsabfrage in präzisen Kurzsatz-Dialogen. Wie wir Schüler nicht, so schien auch längst nicht jeder Lehrer, jede Lehrerin durch seine, durch ihre Primärsozialisation auf die reklamierte Modernität der Herderschule schon eingestellt zu sein.

 

Phase zwei: Die Herderschule muss die Pubertät ertragen. Mittlerweile mag ein Dreizehnjähriger einen Zehnjährigen für eine Art besseren Embryo halten; mittlerweile mag wiederum der Zehnjährige seine Pubertät hauptsächlich schon am Ende seiner Kindergartenzeit überwunden haben, wir dagegen rauschten so richtig erst in der Mittelstufe in sie. Für die meisten von uns bedeutete das einen rapiden Leistungsabfall, nachdem das Gros von uns schon zuvor die Entdeckung gemacht hatte, dass kein Alexander von Humboldt, kein Universalgelehrter, in ihm oder ihr steckte. Wir hatten uns ausdifferenziert. Deutsch, Religion, Kunst: eins, aber Mathematik, Chemie, Biologie vier bis fünf. Oder: Sport sehr gut, aber Deutsch ungenügend. Ein bisschen labberig wurde nun alles, ein bisschen verschwitzt, ein bisschen haarig.

 

Einige fragten sich, ob es auf dem Schulhof eine Raucherecke geben sollte. Jenseits der Fuldabrücke tranken wir manchmal ein Bier, das nicht wirklich schmeckte. Auf den Wiesen der Aue mühte sich unser Bester, uns Nachhilfe in Physik zu geben. Vergebens meist. Die Mädchen schrieben längst nicht mehr sämtliche Jungen der Klasse in der Reihenfolge, in der sie mit ihnen "gehen" würden, auf ein Papier, sondern begannen, sich auf einen einzigen festzulegen - und wir Jungen wussten nicht, was wir schlimmer fanden. Und wir wussten auch nicht, was wir wirklich wichtig finden sollten. Wir drangsalierten ausgerechnet die nettesten Lehrer und duckten uns unter den fauchenden, den zischelnden, den hilflos gemeinen. Denken wir daran, dass es noch weniger Kinder geben würde, wüssten die Erwachsenen, zu welchen Hormon-Monstern ihre Brut in speziellen Phasen mutieren würde, nennen wir die Hormone die Saddam Husseins des Gefühlshaushalts, und lassen wir diese Periode des Uneigentlichen und der Zahnpasta-auf-Türklinke-Scherze, denn die bei weitem spannendste Phase sollte folgen:

 

Phase drei: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern!" Dies war morgens an der Tafel zu lesen, neben der nun manchmal auch eine rote Fahne hing, die Tageslosung unseres Wortführers. Revolte! Die "Versuchsschule Herderschule" war tatsächlich zu einer solchen geworden. Kampf in der Klasse statt Klassenverband. Die "Reaktion" in unseren eigenen Reihen war ausgedeutet - und unter einigen Lehrern vermuteten wir sie. Da gab es den, dessen Physik-Unterricht wir mit Sitzstreik auf dem Rasen boykottierten, den wir bei erzwungenen Lehrer-Schüler-Elternversammlungen in Tränen auslösten, dem wir einen Kontrolleur seiner Unterrichtsmethoden aufnötigten, und den wir schließlich in die Flucht schlugen; an eine deutsche Schule in der Türkei, wo ihm all dies garantiert nicht widerfahren würde. Da gab es jenen Biologielehrer, der es sich gefallen lassen musste gefragt zu werden, was er wohl täte, würde er zwei Schülern während des Unterrichts beim Onanieren zuschauen können. Da gab es die Forderung, aus der Turnhalle sämtliche "Kastrationsgeräte" zu entfernen und nur noch die Matten auszulegen: "pour faire l'amour". Und da gab es merkwürdige Rituale einer halböffentlichen Benotungsdiskussion und -Verkündung im Winkel hinter der geöffneten Klassentür.

 

Was war geschehen? '68 war nahe. Auch 1966 und 1967 schon. Frankfurter Aufregungen schwappten nach Kassel. Marcuse, Hegel, Mitscherlich, Marx, Reich und Reiche, Vietnam und die Funktion des Orgasmus, Sartre, Dutschke, Imperialismus und strukturelle Gewalt, neue Theorien zum Faschismus und zur autoritären Persönlichkeit schwappten in unsere Köpfe. Und die waren, nur wussten wir's nicht, nicht selten ein bisschen klein für alles das Weltbewegende auf einmal. Wir halfen uns mit demonstrativer Gewissheit, mit Unbedingtheit, wir hielten unsere Rücksichtslosigkeit für ein Menschen- und ein Schülerrecht. Wir fanden die Bombe auf dem Cover des Schüler-Magazins "Underground" nicht peinlich. Wir waren schließlich dabei gewesen, als der Leibwächter des NPD-Chefs Adolf von Thadden in der Nähe des heutigen Museums für Sepulkralkultur auf unseren Freund geschossen hatte. Und was war der Einbruch in eine Bank gegen den Besitz einer Bank?! Und wer hatte die Pyramiden gebaut, der Pharao etwa, oder seine versklavten Massen?!

 

So also riskierten die Mutigeren unter uns, zu denen ich nicht wirklich zählte, den Schulverweis, der dann aber nicht ausgesprochen wurde. Und so übernahmen wir von Machern eines höheren Jahrgangs die Schülerzeitung "Der Kieker", in dem bald keine harmlosen Kreuzworträtsel oder Witze mehr zu lesen waren, sondern ein Konterfei des Vorsitzenden Mao prangte, den wir auch dann noch für relevant hielten, wenn er nur sagte: "Wenn du wissen willst, wie eine Birne schmeckt, musst du in sie hineinbeißen", oder so ähnlich. Die letzte bezahlte Anzeige, sie war uns vom solventen Vater eines Mitschülers spendiert worden, verloren wir, als wir das von Napalm zerstörte Gesicht eines Vietnamesen mit der Zeile untertitelten: "Der Kapitalismus zeigt sein wahres Gesicht", die Auflage des "Kieker" ritten wir von 500 auf ungefähr 50 zu Schanden.

 

Spätestens hier ist es angebracht, das Wörtchen "wir" zu erklären, denn "wir", das war ein kleine Gruppe, nicht einmal in der eigenen Klasse, der "b", eine Mehrheit. Wir waren nur bestimmter, berauschter (von Parolen, nicht von Drogen!), drängender. Und wir waren durchaus auch Ausdruck einer Bewegung, eines Wandels, einer Suche, die nicht nur Schüler umtrieb. "Politik" als Wahlleistungsfach war wohl ein Novum, und dass im Religionsunterricht über Marx' Diktum, wonach die Religion das Opium des Volkes sei, gesprochen wurde, nicht von einer kleinen Gruppe erzwungen, die mit Baskenmützen oder Guevara-Button erschien. Und war es allein unsere Penetranz, von der sich die uns liebste aller Lehrerinnen, unsere Klassenlehrerin, noch einmal in Vorlesungen an die Universität Marburg treiben ließ, um dort unsere apodiktischen Theoriegebäude besser kennenzulernen? Oder war es nicht eher eine spezifische Auf- und Umbruchsituation, in der die Herderschule zu einem spannenden Labor geriet, zu einer einzigartigen Schule mit einer Reihe einzigartiger Lehrer?

 

Denke ich an meine Universitätszeit danach, so erscheint sie mir jedenfalls viel blasser als die Lebenszeit an der Herderschule. Ich würde nicht auf die Idee kommen, meiner Universität dankbar zu sein, meiner Schule gegenüber bin ich es. Sie schafft es noch heute, spontane Sympathiegefühle in mir auszulösen, manchmal auch jene kleine Melancholie, die aber wohl eher generell zur Rückbesinnung auf Kindheit und Jugend gehört. Natürlich ist die Herderschule verantwortlich für ein wildes Konglomerat aus Erinnerungsfragmenten, von der Gehirnerschütterung in der Lobby bis zur lächerlichen Polonaise bei der Klassenfahrt, von der Bahnwärter-Thiel-Exegese bis zur Paul-Klee-Bildbesprechung, vom einsamen Fagott-Unterricht bis zum emphatischen Carmina-Burana-Klimax, vom befreiten Rudern auf der Fulda bis zur Panikattacke vor dem Pferdsprung. Aber das meine ich nicht.

 

Ich meine jene menschenfreundlichen und engagierten und aufopferungsvollen Lehrer, die Lichtjahre vor Pisa-Debatte und jenseits aller Hartmut-von-Hentig-Theoreme, die ganz ohne Charts und Multimedia, die unbewusst oder bewusst ein humanistisches, also allzumenschliches Gymnasium vorlebten, geduldig und angestrengt tolerant, milde und verzweifelt an uns, an ihre Grenzen gehend und sich an unseren Fragen delektierend, wie es das vielleicht kein zweites Mal gab und gibt. Ich glaube, die Herderschule war der beste denkbare Ort, Irrungen und Wirrungen auszuprobieren und auszuhalten – und am Ende ein bisschen erwachsener zu sein.

 

© Peter-Matthias Gaede

 

Peter-Matthias Gaede ist Publizistischer Berater des Vorstandes von Gruner+Jahr, war von 1994-2014 Chefredakteur der Zeitschrift „GEO“ und machte sein Abitur 1969 an der Herderschule.