Vorbemerkung zum Artikel von Nina Berman (Heise)

In wenigen Tagen wird die Festschrift zu 60 Jahren Herderschule erscheinen. Darin enthalten ist ein 23-seitiger Aufsatz über „Stationen in 60 Jahren Herderschule – Schulprofil, Schulstruktur und Schulpolitik“, der von Axel Wunderlich und mir verfasst wurde. Das letzte Kapitel dieses Aufsatzes beschreibt die Schülerschaft als politischen Akteur im Zeitraum von 1967 bis 2002. Bei Sichtung und Analyse der uns zur Verfügung stehenden Quellen wurde uns bewusst, welch große Bedeutung besonders Schülerbewegung und SV der Herderschule ab Mitte bis zum Ende der siebziger Jahre in den Auseinandersetzungen um bessere Lernbedingungen für die Schule selbst, aber auch für die Bildungspolitik Hessens hatten – und das bereits, vielen unbewusst, unter den Bedingungen des seinen Siegeszug antretenden Neoliberalismus. Dabei merkten wir, wie sich diese Darstellung und Nina Bermans Erinnerungen an ihre Herderschulzeit, die sie in Form eines kleinen Gedankenstromes für die Festschrift 2005 verfasst hatte, ergänzen und wechselseitig beleuchten. Die Erinnerungsströme ermöglichen etwas, das der um Objektivität bemühten Sprache der Geschichtsschreibung nur ausnahmsweise gelingt, sie evozieren Erfahrungsspuren von Gesichtern, Gesten, Habitus und Handlungen, Orten und Ereignissen. Dies gelingt ihnen umso mehr, als die Subjektivität der Autorin eine Weite des Blickes auszeichnet. Es ist ihr eigener, persönlicher Blick, aber der ist dezentriert. Ihr Text enthält sich der Mitteilung von Gefühlen und Wertungen, ruft aber Gefühle selbst bei denen hervor, die nicht dabei waren. So mag sich auch bei „Nichteingeweihten“ beim Lesen zum Beispiel der Wunsch einstellen, die unprätentiöse Solidarität eines morgendlichen Weckrufes würde auch heute noch und durchaus öfters Mitschülern zuteil, die Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit haben. Und wenn ich lese, dass an Ninas letztem Schultag in jeder Pause und durch alle Lautsprecher Musik von Frank Zappa gespielt wurde, stelle ich, der Fremde, sie mir zumindest für diese Momente als glücklichen Menschen vor.

von Hans Otto Rößer

 

Meine Erinnerungen an die Herderschule (September 1976 bis Dezember 1979)

Eine Lehrerin mit einem blauen und einem braunen Auge – ein Mitschüler, der für einen Kasten Bier ein Rinderauge verspeiste – ein Direktor, der in der Pause mit uns rauchte und Zigaretten selbst drehte (Schwarze Hand) – MZ-Fahrer – der zweiwöchige Streik, der zu einem hessenweiten Streik gegen Kürzungen im Bildungsbereich führte – ein Mathematiklehrer, der sagte: Es gibt die Logik und dann noch die Logik, die weibliche Logik – die Kaufunger, die Waldauer – ein Lehrer, der immer in Clogs herumlief, Mädchen in lilagefärbten Nachthemden (von Trillhoff) mit Pullovern und Herrenjacket drüber (auch von Trillhoff), dazu samtene Pumphosen mit Boots, und Hennahaare und Patchouli – eine Freundin, die beim jährlichen Rosenmontagsbesäufnis (Schnaps in den Sektflaschen) von der Mutter abgeholt werden musste („Frau X, können Sie bitte Ihre betrunkene Tochter abholen?“) – ein Schulsprecher, der bei den Gesamtkonferenzen rote Schals strickte – eine Chemielehrerin mit gefährlichen Experimenten – Klassenfahrt nach Hamburg, morgens um 5 Uhr an der Außenalster – ein Mitschüler, der schon in der 11. Klasse eindeutig der zukünftige Chefarzt war – ein anderer, der nach dem Test die abgefragten Seiten aus dem Chemiebuch riss – einige, die schon in der 10-Uhr­Pause kifften – ein zackiger Englischlehrer – eine Freundin, die Gedichte aufschrieb und Kuchen backte und Joni-Mitchell-Lieder sang – ein Weckdienst für einen Mitschüler, der Mühe hatte, pünktlich in der Schule zu sein – meine blau-weiß gestreifte Latzhose und die achteckige Brille – Schulfeste mit Aggressionsraum – Kunstunterricht („Eines Tages wird man unsere Zivilisation ausgraben und glauben, wir hätten den Gott Geld angebetet“) – Skifreizeiten, über die es interessante Gerüchte gab – Aktionstage – Schülervertretungswochenendseminare – der marxistisch-leninistische Arbeitskreis – einige Chefideologen – Wandzeitungen – gemeinsames Frühstück im Tagesheim – Rumgeschmuse in den Pausen – zwei rothaarige Jungen – ein Zyniker, der heute bei Suhrkamp publiziert – Schauspieler und Opernsänger aus dem Staatstheater als Pausenaktion – ein kluger Religionslehrer – eine Schülervertretung, die bei Gesamtkonferenzen Veto-Recht hatte – ein Musiker, der Sanjassin wurde – die Theater-AG, die von einem sehr inspirierten Lehrer geleitet wurde (und der bei den Proben der beste Schauspieler war) – Earth Wind and Fire und Frank Zappa an (meinem) letzten Schultag während der Pausen durch die gesamte Lautsprecheranlage.

von Nina Berman (ehemals Heise)

aus: 50 Jahre Herderschule, Festschrift 2005

Nina Berman ist heute Professorin für Comparative Studies an der Ohio State University in den USA. In der kommenden Festschrift erscheint von ihr ein Beitrag über „Kritik und Utopie. Von den siebziger Jahren bis zum heutigen Neoliberalismus“.