Sehr geehrter Herr Kultusminister Prof. Lorz,
sehr geehrte Erste Beigeordnete des Landkreises Kassel, Frau Selbert,
sehr geehrte Frau Bergholter vom Magistrat der Stadt Kassel,
Sehr geehrter Herr Personalratsvorsitzender Hölz,
sehr geehrter, lieber Herr Direktor und Schulleiter Sauer,
sehr geehrte Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler der Herderschule Kassel, liebe Gäste!


Räume und Träume der Freiheit
1955 - 2015
60 Jahre Herderschule Kassel


soll heute mein Thema sein. Mit dieser Überschrift möchte ich Sie auf eine kurze Zeitreise der Entfaltung der Freiheit mitnehmen:


Gesellschafts- und bildungspolitische Rahmenbedingungen des Jubiläums im Jahr 2015

Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir schreibt Ostern 2015 in der ZEIT: „In der Grundschule sagte der Lehrer: ‚Beim Cem ist es doch egal, ob der bleibt oder nicht. Den schicken Sie sowieso zurück in die Türkei’ …. Als ich später in der vierten Klasse meinen Wunsch äußerte, aufs Gymnasium zu gehen, lachte mich der Lehrer vor versammelter Klasse aus“ (Die ZEIT/Chancen 1. April 2015, S. 63). Und die Psychologin und Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, Elisabeth Stern, auf einem Bauernhof in Nordhessen Anfang der 60er Jahre aufgewachsen, berichtet (ebd. S. 64): „Aus einer größeren Studie wissen wir, dass Kinder aus der oberen sozialen Schicht mit einem IQ von unter 100 Punkten mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % eine Empfehlung für ein Gymnasium erhalten. Dagegen wird ein Kind aus der unteren sozialen Schicht mit der gleichen 50 %igen Wahrscheinlichkeit erst mit einem IQ von über 115 Punkten fürs Gymnasium empfohlen. Ist das nicht ein Skandal?“
Mit diesen beiden Zitaten lassen sich die gesellschafts- und bildungspolitischen Rahmenbedingungen des Jubiläums auch heute, 60 Jahre nach der Gründung der damals noch sogenannten Klitscher-Schule oder KoKli (aus dem Reformprogramm der Koedukation und dem Namen des Gründungsdirektors Hermann Klitscher entstanden), auf einen Punkt bringen, der zeigt, dass es trotz 60 Jahre Reformschulen und -Pädagogik noch immer Reformbedarf in Deutschland gibt, um eine wirkliche Chancengleichheit und -gerechtigkeit in unserem Land herzustellen bzw. zu ermöglichen.
Nun hat andererseits sich in den vergangenen 60 Jahren, und ich spreche hier als ein ehemaliger Herderschüler, der heute selbst 62 Jahre alt ist, doch einiges zum Positiven hin geändert. Ich selbst wurde als Bauernkind bis zur 5. Klasse in der Volksschule festgehalten, um dann durch Intervention einiger meiner damaligen Lehrer in der Herderschule dann gleich in die 6. Klasse (damals noch Quinta genannt), nach einem persönlichen Gespräch mit Dr. Klitscher, aufgenommen zu werden, gemeinsam mit einem Realschüler der Friedrich-Wöhler-Schule. Diese „Durchlässigkeit“ und Einzelförderung zeichnete besonders den damaligen Gründungsdirektor persönlich aus, und ich denke, viele Ehemalige könnten ähnliche Geschichten und Biographien berichten. Darauf komme ich noch gleich zu sprechen.
Die Reformpädagogik, die Tagesheimidee mit einem fakultativen Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung machten es möglich, dass die Arbeitertochter aus Bettenhausen, der Bauernsohn vom Lande und der Sohn des Oberregierungs-medizinaldirektors aus Kassel eine kreative Mischung von Gemeinschaft und Solidarität bildeten, die ihresgleichen in den Schulen von Kassel suchte. In der Tat, wir wurden gefördert und deshalb ist es nicht zufällig, dass ich meine Habilitationsschrift meinem damaligen Kunstlehrer (Hauptfach 5-stündig) über die „Phänomenologie“ von heiligen Räumen widmete, hatte er mich doch damals, 1971/72, eine Jahresarbeit über „Weserromanik“ völlig selbstständig konzipieren und durchführen lassen. Danke!
Während in der damaligen DDR, dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ manche Akademikerkinder nichts zu lachen hatten und bewusst diskriminiert wurden, (es herrschte schließlich dort die Diktatur des Proletariats, die, zumindest zeitweise, durch Exklusion ein radikales Regiment führte), wurde hier in Kassel, in der Grenzregion der beiden politischen Blöcke, auf Integration, Sozialität und Mischung gesetzt, ja, so würde ich heute sagen, das Wort „Inklusion“ wurde in Ansätzen verwirklicht: Auch wenn ich durch einen damaligen Herzklappenfehler in meiner Jugend ein körperlich leichtes Handicap hatte, gereichte mir das nicht zum Nachteil. Ich wurde nicht darauf reduziert. Im Gegenteil! Meine „Träume der Freiheit“ wurden möglich in den dafür zur Verfügung gestellten „Räumen“ der Herderschule.


Reformschule Klitscher: „Herderschule“ – Kinder, lernt leben!

Norbert Reitz, ein ehemaliger Schüler Dr. Hermann Klitschers schreibt: „Ausschlaggebend dafür, dass Johann Gottfried Herder für Klitscher besonders würdig war, einer neuen Bildungsstätte seinen Namen zu geben, waren dessen erzieherischen Gedanken und Überzeugungen. Sie zielen alle auf die Anerkennung der menschlichen Würde und die Entwicklung des sittlichen Charakters durch Bildung des Menschen zum Humanen, zum Menschen. Und so zitiert er immer wieder in dieser oder abgewandter Form Herders Wort: ‚Kinder, lernt leben! Gesund, würdig, glücklich leben! Macht die Schule auf, laßt Leben herein!’“ In der Tat habe auch ich das erlebt, was Hermann Klitscher mit seinen Zielen einer neuen Großstadtschule mit Koedukation, Tagesheim und Bezirksschule/Kulturhaus in seiner Denkschrift für die Reformschule im Jahr 1952 der Pädagogischen Gesellschaft Kassel vortrug: „Mit der überstürzten Technisierung und Spezialisierung und der Unruhe des heutigen Lebens hängen alle Kennzeichen unseres Daseins ursächlich zusammen. Die Auflösung der echten Gemeinschaftsformen, die Lebensangst und Unsicherheit der geistigen Haltung, die Vereinsamung und innere Heimatlosigkeit. Die Erziehungsreform muss ausgehen von den Tatsachen des heutigen Lebens. Die gesellschaftliche Ordnung ist nicht mehr die von 1900. Die Menschen, besonders auch die Jugendlichen, sind nicht gleich denen vor 2 Generationen. Sie sind wacher, kritischer, früher reif. Es genügt nicht, dass die Schule die Kulturtechnik übermittelt. Sie hat vor allem die Aufgabe, der Jugend eine wirkliche Hilfe für ihr Leben zu geben, durch die Entwicklung von gesunden inneren Abwehrkräften und durch die Gewöhnung an neue echte Lebensformen. Sie kann und soll auf diese Weise Erhaltung einer politischen Ordnung ermöglichen, die dem Einzelnen Freiheit und Selbständigkeit gewährt und in der alle als Mitbürger leben und mitbestimmen können. Ihr Ziel müsste sein: die Jugendlichen so zu erziehen, dass sie ganze Menschen und freie Mitbürger ihres Volkes werden.“ Eine Europa-Schule sollte sie sein, „zur Vorbereitung der jungen Generation auf ein friedliches und geeintes Europa.“ In diese Schule sollten laufend Gruppen von ausländischen Jugendlichen und Lehrkräften für ein Jahr aufgenommen werden, zunächst aus England, Frankreich und Schweden. Die Kasseler sollten dann im Austausch die Partnerschulen besuchen. Aber er selbst stellte dann später im Vorwort der Festschrift zur Einweihungsfeier des Hauptgebäudes fest, dass „die Zeit noch nicht reif war für die Verwirklichung des geplanten Gesamtschule-Systems der Europa-Schule. Immerhin hatten alle seiner Generation mehr oder weniger intensiv die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt, erlitten oder auch mitgestaltet. Und welche europäischen Eltern hätten wohl ihre Kinder wohl ausgerechnet nach Deutschland zur Schule geschickt? Aber immerhin suchte und fand er im Laufe der Jahre immer wieder Partnerschulen beispielsweise in England, Frankreich, Italien, Finnland und sogar im sozialistischen Jugoslawien und in Übersee, mit denen er Schüleraustausch oder Reisen und Gegenbesuche organisierte.“ So beschreibt es der ehemalige Schüler Hermann Klitschers, Norbert Reitz. Ich selbst kann nur hinzufügen: Mein erstes persönliches Bild der USA habe ich einem von Klitschers Projekten des „Experiment in International Living“ zu verdanken, und noch als Theologiestudent hatte ich die Ehre, als Hermann Klitscher schon längst im Ruhestand war, unter dem Dach eben dieser Einrichtung einem jungen Türken deutsche Kultur und Sprache in meinem nordhessischen Elternhaus näher zu bringen! Dialog durch „Gemeinsames Leben“!

Warum nun „Herderschule“ als Name? In den unterschiedlichen Festschriften unseres Gymnasiums finden sich unterschiedliche Varianten, bis hin zu einer „Verlegenheitslösung“, die „unverdächtig“ sei und allein von Philologen und Deutschlehrern wirklich verstanden würde. Dies scheint ja heute anders zu sein, wie die neue Festschrift des Jahres 2015 ausweist: Dort heißt es: So „können wir von Glück reden, dass unser Namenspatron Herder mehr Spuren im beständigen Unterrichtsstoff hinterlassen … hat als wohl manch anderer Namensgeber landauf, landab“ (FS 2015 A. S. Hoffmann, S. 17ff). Ich denke, den Vorschlag „Herderschule“ machte Hermann Klitscher auch, weil Johann Gottfried Herder einerseits ein Aufklärer im Sinne Kants war, andererseits in kritischer Distanz zu ihm nicht nur von der abstrakten, sondern von der lebendigen Vernunft spricht. Kurz nach der Begegnung mit Herder lässt Goethe nämlich seinen Werther ausrufen: „Ich finde überall Leben, nichts als Leben“ (R. Safranski, Romantik, S. 21). Ja, der bekannte Philosoph Rüdiger Safranski fasst es so zusammen: „Herders Lebensphilosophie hat den Geniekult des Sturm und Drang (und später der Romantik) angeregt“ (R. Safranski, Romantik, S. 21). Alle Stufen des Lebens sind Vorstufen des Menschen. „Jede Stufe hat ihr Recht in sich, aber enthält zugleich den Keim zu jeweils höheren. Und alle Stufen sind Vorstufen des Menschen. Dessen Auszeichnung besteht darin, daß er die schöpferische Potenz, die in der Natur wirkt, nun in eigene Regie nehmen kann und muß. Er kann es aufgrund seiner Intelligenz und der Sprache, und er muß es, weil er instinktarm und darum ungeschützt ist. Die kulturschaffende Potenz ist also Ausdruck sowohl einer Stärke wie einer Schwäche. Mit diesem Gedanken ist Herder der Vorläufer der modernen Anthropologie, mit dem Menschen als dem kulturschaffenden Mängelwesen. Für Herder gehörte die Kulturgeschichte der Menschheit zur Naturgeschichte, aber einer Naturgeschichte, in der die bisher ohne Bewußtsein wirkende Naturkraft im menschlichen Denken und seiner absichtsvollen Schöpferkraft zum Bewußtsein ihrer selbst durchgedrungenen ist. Die Umgestaltung des Menschen durch sich selbst und die Bildung der Kultur als Lebensmilieu nennt Herder die Beförderung der Humanität“ (R. Safranski, Romantik, S. 23). So dürfen die naturwissenschaftlich orientierten Neurowissenschaften und die traditionellen Humanwissenschaften sich ihre Plätze an der Universität gerade nicht streitig machen, sondern müssen in einen fruchtbaren Dialog miteinander eintreten!

Bei Hermann Klitscher finden wir diese Ansichten wieder: Assistent des Reformpädagogen Berthold Otto und nach dem Krieg des bedeutenden Anglisten Prof. Deutschbein in Marburg, berichtete er in seinen Lebens-erinnerungen über seine Zeit als Besatzungssoldat: Als Offizier unterrichtete er seine Soldaten in Französisch, damit sie mit den „angeblichen Erzfeinden“ Kontakt aufnehmen konnten. „Wir wollten etwas tun zur Verständigung von Franzosen und Deutschen“. Sein Überleben verdankt er dann aber, wie er berichtet, seiner Fuchsstute Renate, mit der er sich als Melder bei der Kavallerie durch das Land bewegen musste. „Sie hat sich gegen meinen Willen gestemmt, aus Instinkt! Gleich darauf schlug da eine Granate ein.“ Eine solche Erfahrung kann ich als Reiter nur bestätigen! Nach dem Krieg stellte er dann sein gesamtes Bildungsprogramm unter den Gedanken der Verständigung und Versöhnung. Sein hohes Selbstbewusstsein zeigte sich auch darin: „Als er schließlich den Auftrag bekam, eine Reformschule ins Leben zu rufen, behielt er sich das Vorschlagsrecht für die Lehrer seiner Schule vor.“ So schreibt Norbert Reitz. Auf diese Weise konnte er hochmotivierte Lehrerpersönlichkeiten gewinnen, die für uns alle vorbildhaft waren und bleiben! Danke!


Persönliche Momentaufnahmen der Herderschule im Jubiläumsjahr 2015

Am Anfang steht eine Wiederbegegnung mit Carin Grudda, einer mittlerweile bekannten Künstlerin in Italien und Deutschland. Sie machte eine Ausstellung in Gudensberg, meiner Geburtsstadt, leitete eine Stadtbegehung zur Synagoge mit einer Ausstellung ihrer Werke. Ein kunstinteressierter Mitspaziergänger, Martin Sauer, Schulleiter der Herderschule, Kassel ist auch da und gesellt sich zu uns. Carin und ich haben uns seit über 40 Jahren nicht gesehen: Beide bei Elbelt im Kunstkurs: Wahl-Leistungsfach! Theorie und Praxis! Künstlerleben in Italien dort, Vorträge über Sakralräume in Dessau, Wien und Bologna hier. Nun der Vortrag „60 Jahre Herderschule“! Danke für Ihr Vertrauen, lieber Herr Sauer!

„Sie können jederzeit kommen!“ Ich fahre unangemeldet im Anschluss an die Uni hin, über 40 Jahre nach dem Abi ’72, vieles ist noch zu erkennen: Pavillons, Hauptgebäude, Musikpavillon. Ich parke mein Auto, betrete die Eingangshalle: Angeregte Stille, Kleingruppen an Tischen beraten sich flüsternd. Ich bin sofort wieder voll da und präsent. Vor der alten Freitreppe Herderbilder im Stile Andy Warhols, Lebensdaten des Theologen, Schulmannes der Aufklärung und Wegbereiter der Romantik, wie R. Safranski sagt. Fantastisch! Im ersten Stock das Lehrer- und das Direktorenzimmer, freundlich, frisch renoviert. Der stellvertretende Schulleiter, Dr. Johannes Werner, nimmt sich eine Stunde Zeit und führt mich durch die neu erbaute Bibliothek und Cafeteria - herrlich! Edle, einfache moderne Architektur: Maße des Menschlichen! Der Begriff „Oberstufengymnasium“ bekommt für mich eine völlig neue Konnotation: „Miniuniversität“, „Studienhaus“, „Schule des Lebens“! Junge Leute (Klasse 11 - 13) kommen in Kleingruppen, essen etwas, diskutieren und schreiben. Leben und Lernen verschmelzen. Das alles geschieht in einer großen Ruhe und Gelassenheit. Hermann Klitscher hätte sich gefreut. Hier würde ich gern nochmal Schüler sein - oder im Ruhestand Kurse in Kunstgeschichte geben. Das Leben in den Räumen der Herderschule ist offen für „Träume der Freiheit“. Als Hochschullehrer überlege ich: Unsere noch junge und aufstrebende Universität in Kassel bräuchte endlich einen richtigen Namen; mir fällt kein besserer ein als der von Johann Gottfried Herder! „Johann-Gottfried-Herder Universität Kassel“ – das klingt! Meiner lieben Herderschule jedenfalls wünsche ich Glück und Gottes Segen für die nächsten 60 Jahre: „Kinder, lernt leben!“

Danke für Ihre Aufmerksamkeit