In diesen Tagen ist die Festschrift der Herderschule zu ihrem 60. Geburtstag erschienen. Neben zahlreichen Grußworten, einer philosophischen Annäherung an Herder heute, verfasst von der Abiturientin Anna Sophia Hoffmann, und vielen Fotogalerien enthält die 180-seitige Schrift zwei Hauptteile, einen zur Geschichte der Schule und einen zu ihrem heutigen Profil.

Im Abschnitt Profil finden Leserinnen und Leser zahlreiche Informationen zu den Aktivitäten der Schule: Ausgehend von ihrem Anspruch, Schülerinnen und Schüler mit durchaus unterschiedlichen Lernvoraussetzungen zum Abitur zu führen, Stichwort „Heterogenität“, kann man nachverfolgen, wie dieser Anspruch im Alltag der Schule umgesetzt wird: u.a. durch eine wöchentliche Basisstunde, deren Angebote von SOS-Stunden vor wichtigen Klausuren bis zu Kursen im freien Schreiben, Tanzen oder Schach reichen; durch das Konzept des selbstständigen Lernens; durch eine systematische Berufs- und Studienberatung oder durch die Projekttage. Einblicke in die musikalischen Aktivitäten , in die Arbeit des Faches Darstellendes Spiel und die Theater-AG sowie in das Konzept Sport als Leistungskurs an der Herderschule und in die Angebote des „Tagesheimes“ zeigen, dass wichtige Impulse des Schulgründers Dr. Hermann Klitscher bis heute lebendig geblieben sind. In der Stadtöffentlichkeit bekannt sind mittlerweile die seit dem Jahr 2000 von Schülerinnen und Schülern der Schule organisierten Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag. Zu den neuesten Errungenschaften zählt die Einrichtung eine Gen-Labors, dem ersten und bislang einzigen an einem nordhessischen Gymnasium.

Der Teil zur Geschichte der Schule enthält eine durch viele Fotografien illustrierte Darstellung über den Erweiterungsbau 2009/2010 und Schulerinnerungen zweier „Ehemaliger“, die heute in den USA leben und arbeiten, sowie einen umfangreichen Aufsatz zu „Stationen in 60 Jahren Herderschule“. Dafür sind die beiden Verfasser, Dr. Hans Otto Rößer und Dr. Axel Wunderlich, nicht nur in die Tiefen des Schularchives gegangen, sondern haben in den Akten- und Dokumentenbeständen des Staatlichen Schulamtes und des Stadtarchivs geforscht. Auch das elektronische Archiv der HNA erwies sich als äußerst nützlich.

Entdeckung zweier Gründungskonflikte

Dabei förderten sie heute kaum noch bekannte Details aus der bewegten Schulgeschichte zu Tage. Wäre es zum Beispiel nach dem Willen des Gründers und des Elternbeirates mit seinem Vorsitzenden Prof. Dr. Hermann Schafft gegangen, stünde die Schule nicht in der Unterneustadt, sondern im Westen der Stadt. Allerdings freundete sich die Schulgemeinde dann doch sehr schnell mit der Standortwahl des Magistrats der Stadt, die damals Schulträger war, an. So schrieb Klitschers Nachfolger Dr. Rolf Rosenthal nicht ohne Stolz in einem Erfahrungsbericht an des Kultusministerium: „Allein die Tatsache, dass diese Schule im Arbeiterbezirk Kassels errichtet wurde, führte dort zu einem radikalen Umschwung in der öffentlichen Auffassung vom Gymnasium. Der steigende Zustrom von Schülern aus sozial und kulturell benachteiligten Familien hat ständig zugenommen.“

Während sich die Stadt in der Standortfrage durchsetzte, konnte sich die Schulgemeinde in der Frage behaupten, welchen ‚richtigen‘ Namen das Gebilde namens „Schule an der Drahtbrücke“ bekommen sollte. Noch vor dem ersten Spatenstich bat das Stadtschulamt um Vorschläge für den Namen der geplanten Schule. Die Schule entschied sich für den in Kassel noch nicht vergebenen Namen Herderschule, doch der Magistrat wollte der Schule den Namen geben, den die Nazis 1940 der heutigen Heinrich-Schütz-Schule entzogen hatten. Die Schule sollte laut Magistratsbeschluss vom 3.12.1957 Malwida von Meysenbug-Schule heißen. Der Schulleiter lehnte das mit dem seltsamen Argument ab, ein Frauenname eigne sich nicht für ein koedukatives Gymnasium. Schließlich gab der Magistrat nach, vielleicht auch auf sanften Druck aus dem Kultusministerium. Dort meinte man nämlich, eine baldige Namensregelung erscheine „insbesondere aus postalischen Gründen notwendig“. Im Mai 1958 fiel dann die endgültige Entscheidung für den Namen Herderschule mit dem Zusatz „Gymnasium für Jungen und Mädchen“, die von der Schule gewünschte Ergänzung „mit Tagesheim“ blieb auf der Strecke.

Das ansprechende Lay-out der Festschrift lag in den bewährten Händen von Stephan Schimmelpfennig-Könen.

Die Festschrift kostet 10 Euro und kann im Sekretariat der Schule sowie in einigen Buchhandlungen in Kassel erworben werden.

Info Herderschule Kassel: Tel.: 0561/54817

 

Festschrift zum 60. Jubiläum der Herderschule : (von links:) Stephan Schimmelpfennig-Könen, Dr. Axel Wunderlich (beide Redaktion), Gerald Weickert( Vorsitzender des Födervereins der Herderschule), Dr. Hans Otto Rößer (Redaktion), es fehlt das Redaktionsmitglied Dr. Eberhard Rüddenklau.