Vorbemerkung:

Heute, am 23,06. 2015, hat die Druckerei die Festschrift 60 Jahre Herderschule ausgeliefert. Als kleine Anregung für den Erwerb dieser in vielerlei Hinsicht interessanten Bilanz der Entwicklung unserer Schule und der Beleuchtung ihrer Bedeutung für die Region stellen wir Peter Kleims Schulerinnerungen ins Netz.
Sie finden sie in der Festschrift auf den Seiten 46 und 47.

von Hans Otto Rößer

 

Herderschule

Ich hatte Glück. Ich durfte die fast perfekte Schule besuchen. Eigentlich waren die Eltern von Andy und Susanne daran schuld. Die beiden waren meine Klassenkameraden in der Grundschule. Deren Eltern hatten die Herderschule für ihre Kinder ausgewählt. Ehrlich gesagt, aus ganz schnöden, praktischen Erwägungen: Sie war nicht weit entfernt, nur eine kurze Fahrradfahrt durch die Karlsaue. Also bin ich mitgefahren. Meine Eltern unterstützten mich nach allen Kräften.

Am ersten Tag wurden wir vom Schulleiter empfangen. Großes Kino in der Aula. Als „liebe Schulgemeinde“ wurden wir adressiert. Es herrschte ein freundlicher Ton. Der gütige alte Mann, der uns willkommen hieß, war wohl noch Hermann Klitscher. Durch die lichten Fenster konnte man nach außen in den kleinen Pausenhof zwischen Hauptgebäude und dem ersten Pavillon schauen: unser Refugium im ersten Jahr. Der Pausenhof für die Kleinen. Von hier aus beäugten wir in den ersten Wochen vorsichtig, was da so bei den Großen vorging: Rauchen auf der Straße, Wasserbomben aus dem Obergeschoss des Hauptgebäudes.

Hermann Klitscher wechselte sehr bald in den Ruhestand. Als neuer Direktor folgte Rolf Rosenthal. Ich habe ihn als großen, schlaksigen, unprätentiösen Mann in Erinnerung, der Autorität ausstrahlte, für uns Schüler aber dennoch nahbar blieb.

Er setzte Klitschers Kurs fort: Ein Reform-Gymnasium, das das Wort Gymnasium nicht im Namen führte; offen und willkommnend auch für die Kinder, die in ihren Familien die ersten Abiturienten sein sollten. Was die Herderschule in meiner Erinnerung von anderen Gymnasien unterschied, waren die Atmosphäre und das Selbstverständnis: Die meisten Lehrer zogen ihren professionellen Stolz offenbar nicht daraus, möglichst viele Schüler auszusieben, sondern möglichst viele zum Abitur zu führen. Der Erfolg der Schüler sollte der Erfolg der Schule sein.

So beschränkte sich die Herderschule damals nicht auf Wissensvermittlung im Unterricht, sondern schuf eine Umgebung, in der wir Neues kennenlernen, Erfahrungen sammeln und uns ausprobieren konnten. Ich war anfangs völlig überwältigt von dem Angebot an Neigungsgruppen und AGs. Von der Dunkelkammer im Fotolabor über die Auto-AG bis hin zu Waltraud Brauns[= Waltraud Koeppen, HOR] Ski-Gruppe, die zu einem festen Bestandteil meiner Jugendjahre wurde: Fast jedes Winter-Wochenende in die umliegenden Mittelgebirge und einmal im Jahr in die Alpen, was für eine organisatorische Meisterleistung der Sportlehrerin. Jeder musste mithelfen. Die Eltern bildeten Fahrgemeinschaften für die Kinder, die älteren Schüler unterrichteten die jüngeren. Als ich später mit einem Kollegen der Münchner Abendzeitung, einem in den Bergen aufgewachsenen Ur-Bayern, Skifahren ging, sagte der ins Hochdeutsche übersetzt „Für einen Preußen fährst Du nicht schlecht”. Danke, Frau Braun!

So lernten wir im Klassenzimmer und außerhalb der Unterrichtsstunden. Vieles habe ich längst vergessen (Mathe, Chemie, Physik, war da was?), anderes habe ich erst später, im Leben, wirklich verstanden. Aber recht bald meinte ich durchschaut zu haben, dass es vielen Lehrern darum ging, dass aus uns einmal kritische und selbstständige Zeitgenossen werden sollten. Auch wenn es dabei nicht immer nach unserem Fahrplan ging. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich in einem der Unterstufenjahre von meinem von mir damals verehrten Geschichtslehrer Hilgenberg forderte, statt über die alten Römer jetzt über Rosa Luxemburg zu sprechen. Seine genaue Antwort ist mir entfallen, aber er gab mir das aufrichtige Gefühl, dass er mein Interesse schätzte, dass die Römer aber auch erst einmal viel zu bieten hätten.

Die Herderschule war damals eine auch politisch progressive Schule. Ich war ein paar Jahre zu jung, um bei den Schülerprotesten wirklich aktiv mitzuwirken. Wir guckten vielmehr fasziniert zu und liefen den Oberstufenschülern hinterher. Aber Spaß gemacht hatten die Demos und Sit Ins dennoch. Und dass der „Kieker”, unsere Schülerzeitung, Kondom-Automate und die freie Nutzung der Matten in der Turnhalle für andere außerschulische, mehr zwischenmenschliche Aktivitäten forderte, fand ich - langsam in die Pubertät kommend - aufregend.

Nein, im Nachhinein wäre es vielleicht gut gewesen, hätte ich in Naturwissenschaften und Fremdsprachen ein etwas besseres Fundament bekommen, auf das Leben vorbereitet hat mich die Herderschule dennoch ausgezeichnet. Und nicht nur, weil wir im neu angebauten Musiksaal mit damals brandneuer, heute steinzeitlicher Videotechnik in schwarz-weiß herumspielten oder mir Direktor Rosenthal nach dem Abitur ein Praktikum beim ZDF vermittelte.

In den USA wird angesichts der immer astronomischer werdenden Ungleichheit in den Lebens- und Vermögensverhältnissen wieder viel über Bildungspolitik gestritten - wie man den Zugang zu höherer Bildung auch denen ermöglicht, deren Familien bislang keinen hatten. Ich kann diese Diskussion gut nachempfinden, hab ich doch selbst von den vorangegangenen und häufig wieder vergessenen Reformen der sechziger Jahre profitiert.

Danke, Sputnik. Danke, Klitscher und Rosenthal. Danke, Herderschule.

von Peter Kleim
      Washington Bureau Chief
      RTL und n-tv