Aufmerksamen Beobachterinnen und Beobachtern unseres Internetauftrittes wird nicht entgangen sein, dass wir seit einigen Tagen einen neuen Menüpunkt eingerichtet haben: „60 Jahre“ (oben links). Wir geben damit dem Bedürfnis nach Schulgeschichte (Singular) und Schulgeschichten (Plural) Raum, das wir in der Schulgemeinde, der aktuellen wie der um die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer erweiterten, immer wieder verspüren. Dieses Bedürfnis ist das Resultat davon, dass in unserer Gesellschaft jungen Menschen der Staat erstmals, eindrucksvoll und nachhaltig als Institution Schule entgegentritt. Disziplinierung und Demütigung, Schrecken und Scheitern sind die Topoi der klassischen Schulliteratur und ihre Mitleid und Bewunderung erregenden Anti-Helden heißen Hanno Buddenbrook oder Franz Kien, ihre Theoretiker Althusser, Holzkamp oder Foucault. Aber die Schule ist auch der Ort, in dem sich die Übergänge von Kindheit zur Jugend und zum jungen Erwachsenen vollziehen, die Fortschritte der Selbstständigkeit. In der Schule, mit ihr und gegen sie entwickeln und bilden sich Menschen, eignen sich Wissen, Menschen- und Weltkenntnis an, individuieren sich. Weil uns dies in keiner anderen Lebensphase so tiefgreifend und umwälzend geschieht wie in der Schulzeit, kehrt unsere Erinnerung immer wieder an diesen Ort zurück – mit durchaus gemischten Gefühlen.

Gilt dies für jede Schulzeit und jede Schule als Erinnerungsort, kommen bei der Herderschule noch einige Besonderheiten hinzu: Die Schule ist noch jung genug, dass jede Analyse und Anekdote auf die Erinnerung von Menschen stößt, die dabei waren, als das geschah, was erzählt oder erklärt wird. Die Vergangenheit ist nicht tot, sondern immer noch in all ihren Phasen mit lebendigen Gefühlen verknüpft. Und dann hat diese Schule nicht nur Menschen bewegt, sondern sie war und ist selbst eine bewegte, bisweilen war sie sogar Turbulenzen ausgesetzt: Sie wechselte die Orte und brauchte lange, um ihren Platz einnehmen zu können, sie wechselte die Schulform und den Schulträger, sie schrumpfte und wuchs. Was immer man sonst über sie sagen kann: langweilig war es in ihr und mit ihr nie.

Auch die in wenigen Wochen erscheinende Festschrift zu 60 Jahren Herderschule bestätigt diesen Eindruck. Sie werden in einem Abschnitt einen ausführlichen, eher analytischen Beitrag zur Schulgeschichte finden, der aber auch für ihre Kenner die eine oder andere überraschende Erkenntnis bereit halten wird, Sie können einen Artikel zur neuesten Baugeschichte der Herderschule lesen, aber auch Impressionen zu einer Schulzeit oder essayistische Reflexionen, die Erfahrungen der Gegenwart mit solchen der Oberstufenzeit Ende der 70er Jahre verknüpfen. Auch der eine oder andere Artikel im Abschnitt „Profil der Schule“ nimmt bewusst eine Einordnung in die Schulgeschichte vor.

Als wir beim Schreiben dieser Artikel auf immer mehr bislang nicht bekannte oder bekannt gemachte Archivalien stießen, wurde uns klar, dass einerseits der Rahmen einer alle 10 Jahre erscheinenden Festschrift für die Darstellung von Aspekten der Schulgeschichte zu klein ist und dass andererseits das Bedürfnis nach Schulgeschichte und Schulgeschichten aufgrund der Möglichkeiten der digitalen Kommunikation auch nicht mehr in diesen Rahmen gepresst werden muss.

Wir starten unseren neuen Menüpunkt mit Beiträgen von Norbert Reitz und Peter-Matthias Gaede und verbinden diesen Start mit der Hoffnung, dass er weitere Ehemalige ermuntert, uns Beiträge über Mitteilenswertes aus der Schulgeschichte zur Verfügung zu stellen. Auch wir selbst werden nach der Festwoche und im kommenden Schuljahr Beiträge und Dokumente unter dieser Rubrik veröffentlichen.

Damit dieser Appell an unsere Leserinnen und Leser nicht allzu dezent und unverbindlich bleibt, fügen wir auch gleich eine Bitte an:

Im Staub des Schularchivs stießen wir auf zwei Gedichte, „Internationale für Bierbegeisterte“ und „Ode an den Urquell aller Freuden“, laut Beschriftung im Frühjahr 1968 im „Kieker“ erschienen, die auf heute noch erschütternde Weise die Aura beschwören, die das Bier zu einer Zeit umgab, als den meisten Menschen in Nordhessen Rotwein nur in der Form von 1-Liter-Lambrusco-Flaschen oder als Chianti-Korbflasche bekannt war. (Letztere diente nach ihrer Leerung in ungezählten Wohngemeinschaften als – na ja – romantischer Kerzenhalter, dessen Umfang Stunde um Stunde, Nacht um Nacht um Bahnen erkalteten Wachses zunahm.)

Wer weiß etwas über Autorenschaft und Zustandekommen dieser Kunstwerke und/oder wer könnte uns etwas schreiben über den in diesen Gedichten ebenfalls als „Wohltäter der Menschheit“ angerufenen Lohmann, seine gleichnamige Gaststätte und ihre Bedeutung für die aufbegehrende Kasseler Jugend, kurzum: Wer schreibt uns etwas über „Bier und Poesie, Revolte und Lohmann“??

von Hans Otto Rößer

 

Schulgründer Dr. Hermann Klitscher, skizziert von Wolfgang Friedrich