- Verpasster Frühling des 20. Jahrhunderts? -

Vor den Schülerinnen und Schülern der Leistungskurse Geschichte und zahlreichen aktiven und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen der Herderschule sowie weiteren interessierten Teilnehmer/innen, auch von anderen Schulen, präsentierte Klaus Gietinger am Nachmittag des 15.01. 2019 seine Erkenntnisse zur Novemberrevolution.

Gietinger ist ein bekannter Filmemacher (zuletzt: „Wie starb Benno Ohnesorg – Der 2. Juni 1967“ und 2018 „Lenchen Demuth und Karl Marx“), Drehbuchschreiber und Publizist. Als ausgebildeter Sozialwissenschaftler wertete er als erster den Nachlass von Waldemar Pabst aus, der unmittelbar für die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verantwortlich war und dafür von Gustav Noske, SPD, Volksbeauftragter für Heer, Marine und die sogenannten Freicorps, Rückendeckung bekommen hatte.

2009 erschienen von Klaus Gietinger eine Biographie von Waldemar Papst sowie eine genaue Rekonstruktion der Ermordung der beiden, insbesondere in der Industriearbeiterschaft beliebten, im „gehobenen“ Bürgertum und bei den Mächten der Konterrevolution verhassten Führer der radikalen Linken.

 

An Klaus Gietingers anschauliche und lehrreiche Einführungspräsentation in den Verlauf der Novemberrevolution (Kommentar eines Lehrers: gute Abiturvorbereitung) schloss sich eine engagierte und spannende Diskussion an. Es ging, wie sollte es anders sein am 100. Jahrestag, um die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs am Abend des 15. Januars 1919, aber auch um die Bedeutung der Revolution für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und für unsere Gegenwart.

Es würde das Format dieser kleinen Notiz sprengen, das umfangreiche Spektrum der angesprochenen Themen zu referieren. Nur ein kleines Indiz dafür, wie gepackt die Teilnehmenden waren: Als die 90 Minuten vergangen waren, die wir für die Veranstaltung geplant hatten, machte niemand Anstalten zu gehen. Nur ein von Klaus Gietinger für 17 Uhr vereinbartes Telefoninterview mit dem Norddeutschen Rundfunk erzwang ein Ende der dann doch fast zweistündigen Veranstaltung.

Gerade die Brüchigkeit der 1918/19 erreichten Freiheiten und sozialen Fortschritte – allgemeines Wahlrecht für Männer und Frauen, 8-Stunden-Tag, Anerkennung der Gewerkschaften, betriebliche Mitbestimmung – sollte uns daran erinnern, dass Freiheit, politische Teilhaberechte und soziale Anspruchsrechte nur Bestand haben können, wenn viele bereit sind, sie zu verteidigen und für ihre Erweiterung einzutreten. Dies war die Quintessenz des Redebeitrags des ehemaligen Schulsprechers der Herderschule und, wie der Beifall zeigte, auch das von allen Anwesenden geteilte Fazit dieser Veranstaltung.

Text: Dr. Rößer
Fotos: Schimmelpfennig-Könen